Gewalt kostet uns bereits Milliarden.

Nicht nur menschlich. Auch ökonomisch.

Ökonomische Argumentationslinie
«Prävention kostet Geld. Gewalt auch.»

Gewalt verursacht nicht nur unmittelbar körperliches und psychisches Leid. Sie erzeugt langfristige gesellschaftliche Kosten durch:

Arbeitsausfälle · geringere Produktivität · medizinische Behandlung · psychotherapeutische und psychiatrische Versorgung · Polizei · Straf- und Ziviljustiz · Sozialleistungen · spezialisierte Hilfsangebote · langfristige gesundheitliche Folgen · verlorene Lebensqualität

Diese Sektion ist die vierte Argumentationslinie neben moralisch (weniger Leid), freiheitlich (Alltag nicht nach Gewalt ausrichten) und machtpolitisch (körperliche Überlegenheit kein Gewaltvorteil): ökonomisch — Gewaltprävention kann eine gesellschaftliche Investition sein statt nur eine Ausgabe.

Österreich

Die zentrale Zahl

«Für Österreich schätzt das European Institute for Gender Equality (EIGE) die jährlichen gesellschaftlichen Kosten geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen auf rund 5,8 Milliarden Euro.»

Modellbasierte Schätzung des EIGE — keine exakt gemessene österreichische Staatsausgabe.

ca. 802 Mio. €
Verlust wirtschaftlicher Leistung
ca. 243 Mio. €
Gesundheitssystem
ca. 1,177 Mrd. €
Strafjustiz
ca. 34 Mio. €
Ziviljustiz
ca. 216 Mio. €
Sozialleistungen
ca. 20 Mio. €
Spezialisierte Hilfsangebote
ca. 3,2 Mrd. €
Monetarisierter körperlicher und emotionaler Schaden
≈ 5,8 Mrd. € / Jahr
geschätzte gesellschaftliche Kosten geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen in Österreich (EIGE)

Der größte Posten ist keine direkte Staatsausgabe, sondern eine ökonomische Bewertung von Gesundheits- und Lebensqualitätsverlusten.

Primärquelle (EIGE): Kosten geschlechtsspezifischer Gewalt, Indikator geschätzte jährliche Gesamtkosten
European Institute for Gender Equality (EIGE), Datensatz genvio_cost__est_annu_cost_genvio — modellbasierte Schätzung.
https://dgs-p.eige.europa.eu/data/view?code=genvio_cost__est_annu_cost_genvio
Auch der Status quo hat Kollateralschäden.

Eine Schutzmaßnahme darf deshalb nicht mit einem unrealistischen Null-Risiko-Maßstab verglichen werden.

«Welche Gesellschaft produziert insgesamt weniger schweren Schaden: eine mit dieser Schutzmaßnahme oder eine ohne sie?»

Dies schließt an die bestehenden Position an: Netto-Schadensreduktion + Verhältnismäßigkeit + Missbrauchsresistenz.

Ökonomische Logik

Von der Investition zur Rendite

Investition
Schutztechnologie · Training · Forschung · Infrastruktur
weniger Gewalt
weniger Folgekosten
Trauma · Arbeitsausfälle · Behandlung · Polizei · Gerichte · Sozialleistungen · Produktivitätsverluste
gesellschaftliche Rendite
Break-even-Gedankenexperiment

Wie viel Verhinderung muss eine Investition bringen?

Illustrative Rechnung auf Basis der EIGE-Gesamtschätzung für Österreich (rund 5,76 Mrd. € pro Jahr):

«Ob eine konkrete Technologie diese Schwelle erreicht, ist eine empirische Forschungsfrage.»

Diese Werte sind ausdrücklich nur illustrative Break-even-Rechnungen. Nicht behauptet wird, dass heutige Robotik oder Schutztechnologien diese Reduktionen tatsächlich erreichen.

Konservative Variante: „Nur direkte und wirtschaftliche Kosten betrachten“

Rechnet man den monetarisierten körperlichen und emotionalen Schaden nicht mit, bleiben immer noch grob 2,5 Milliarden Euro jährliche Kosten aus Produktivitätsverlusten, Gesundheit, Justiz, Sozialbereich und verwandten Kategorien.

«Selbst bei einer sehr konservativen Betrachtung ist Gewalt kein ökonomisch kostenloser Status quo.»

Eigene illustrative Summe der EIGE-Teilposten (802 + 243 + 1177 + 34 + 216 + 20 Mio. €).

EU-Perspektive

Die Skala der EU

«EIGE schätzt die jährlichen Kosten geschlechtsspezifischer Gewalt in der EU auf rund 366 Milliarden Euro.»

Davon entfallen ungefähr 289–290 Milliarden Euro auf Gewalt gegen Frauen.

«Schon kleine prozentuale Reduktionen können deshalb volkswirtschaftlich enorme Auswirkungen haben.»

Quelle (EIGE): Costs of gender-based violence in the EU

Die EU rechnet Kosten-Nutzen selbst

Die Europäische Kommission hat im Rahmen ihrer Folgenabschätzung zu Maßnahmen gegen Gewalt gegen Frauen selbst Kosten-Nutzen-Szenarien gerechnet. Dabei wurden für umfassendere Maßnahmen jährliche Kosten von mehreren Milliarden Euro möglichen vermiedenen gesellschaftlichen Schäden von mehreren Dutzend Milliarden Euro gegenübergestellt.

«Auch europäische Institutionen behandeln Gewaltprävention bereits als eine Frage gesellschaftlicher Investition und vermiedener Folgekosten.»

Nicht behauptet wird: «Jeder Euro bringt garantiert X Euro zurück.»

Quelle (Europäische Kommission): Impact Assessment — Preventing and combating violence against women
Schlecht erfasst

Was kostet die Angst vor Gewalt?

Nicht alle Kosten entstehen erst nach einer Gewalttat. Menschen verändern bereits vorher ihr Verhalten:

bestimmte Wege werden vermieden
Veranstaltungen früher verlassen
Taxis statt öffentlicher Verkehrsmittel
Reisen oder Aktivitäten vermieden
Nachtarbeit oder bestimmte Jobs nicht angenommen
öffentliche Sichtbarkeit reduziert
Wohnorte nach Sicherheitsgefühl gewählt
Freizeit und Mobilität eingeschränkt

«Diese indirekten Kosten werden in klassischen Gewaltkostenstudien wahrscheinlich nur teilweise erfasst.»

Skaleneffekte

Warum Technologie ökonomisch besonders interessant sein könnte

Der ökonomische Vorteil technischer Schutzsysteme könnte langfristig darin liegen, dass sie skalierbar sind. Soziale Schutzarbeit und personelle Sicherheit benötigen kontinuierlich Arbeitszeit. Technologie hat dagegen häufig hohe Entwicklungs- und Einführungskosten — aber später sinkende Kosten pro zusätzlicher Nutzer:in:

Softwareupdates können Millionen Systeme gleichzeitig verbessern
Hardware kann mit zunehmender Stückzahl günstiger werden
ein Remote-Sicherheitszentrum könnte viele Systeme parallel betreuen
einzelne Schutzsysteme könnten mehrfach oder gemeinsam genutzt werden

«Ob dieser Skaleneffekt bei konkreten Schutztechnologien tatsächlich groß genug ist, muss untersucht werden.»

Positive Externalität

Herdenimmunität — ein zusätzlicher gesellschaftlicher Nutzen

Wenn verbreitete Schutztechnologien nicht nur ihre Besitzer:innen schützen, sondern auch das Verhalten potentieller Täter verändern (Herdenimmunitätsgedanke), entsteht ein zusätzlicher gesellschaftlicher Nutzen.

«Hat diese Person ein Schutzsystem?»

Dadurch könnten auch nicht direkt ausgestattete Personen indirekt profitieren.

Ökonomisch wäre das eine positive Externalität. Der Nutzen eines Schutzsystems würde dann nicht nur bei seiner Besitzer:in entstehen, sondern teilweise auf andere Menschen übergehen. Das würde prinzipiell ein zusätzliches Argument für öffentliche Förderung oder Subventionierung liefern.

Wichtig: «Der tatsächliche Herdenimmunitäts-/Abschreckungseffekt ist derzeit eine Hypothese und müsste empirisch untersucht werden.»
Forschungsfragen

Fragen, die wir beantworten wollen

Was kostet zwischenmenschliche Gewalt einer Gesellschaft tatsächlich?
Wie viel davon könnte durch unmittelbare Schutzmacht verhindert werden?
Welche Schutzmaßnahmen haben das beste Kosten-Nutzen-Verhältnis?
Wie hoch sind die langfristigen Produktivitätsverluste nach schweren Gewalterfahrungen?
Welche wirtschaftlichen Kosten entstehen bereits durch Angst vor Gewalt?
Ab welchem Verbreitungsgrad erzeugen Schutzsysteme kollektive Abschreckung?
Gibt es positive Externalitäten für Menschen ohne eigenes Schutzsystem?
Wie stark sinken Stückkosten bei skalierter Produktion?
Wie hoch dürfen Initialkosten sein, wenn langfristig größere Folgekosten entfallen?
Was kostet ein verhindertes Gewaltereignis?
Was kostet ein gewonnenes gesundes Lebensjahr?
Wie schneiden technische Schutzsysteme im Vergleich zu klassischen Präventionsmaßnahmen ab?
«Die Frage ist nicht nur, was Gleichbemächtigung kostet. Die Frage ist auch, was es uns kostet, sie nicht zu haben.»